Cyberagentur-Chef Hummert fordert ein Umdenken in der Cybersicherheitsforschung

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Der neue Chef der Cyberagentur, Christian Hummert, fordert ein Umdenken bei der Cybersicherheitsforschung in Deutschland. Gerade dort, wo private Geldgeber vor Investitionen zurückschrecken, müsse der Staat mehr in Hochrisikotechnologie investieren. „Wir müssen jetzt mit der Forschung von Themen beginnen, die in zehn oder 15 Jahren entscheidende Fähigkeiten ermöglichen könnten“, sagte er im Interview mit dem Fachinformationsdienst Tagesspiegel Background Cybersecurity. So seien Unternehmen und Verwaltung auch in Zukunft geschützt. Dabei sollten in Deutschland gezielt Nischentechnologien gefördert werden, für die es noch keine großen Förderprojekte gebe. Es sei nicht damit getan, „Geld einfach auf einen Haufen zu werfen“, sagt Hummert.

Der 42-jährige Informatiker leitet die Cyberagentur seit Anfang Oktober. Die bundeseigene GmbH wurde 2020 von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) in Halle (Saale) gegründet. Mit einem Budget von 350 Millionen Euro soll die Cyberagentur wichtige Trends identifizieren und konkrete Forschungsaufträge an die deutsche Cybersicherheitscommunity vergeben. Die aktuelle Ausschreibung der Cyberagentur unterstützt die Erforschung von Schnittstellen zwischen Gehirn und Computern.

In den nächsten Jahren soll um die Cyberagentur ein Ökosystem unterschiedlicher Universitäten, Unternehmen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen entstehen. „Eines meiner Ziele ist es, dafür auch einen Cyber-Inkubator einzurichten und Start-ups im Bereich Cybersicherheit gezielt zu fördern“, erklärte Hummert gegenüber Tagesspiegel Background Cybersecurity.

Als inoffizielles Vorbild der deutschen Cyberagentur gilt die vom US-Militär finanzierte Forschungseinrichtung DARPA oder die enge Verknüpfung der israelischen Start-up-Szene mit dem Militär. Auch die israelische Spionagesoftware Pegasus soll eng verwoben mit der Armee in Israel entwickelt worden sein. Hummert betonte jedoch im Interview mit Tagesspiegel Background Cybersecurity, man wolle sich gerade nicht an solchen internationalen Vorbildern orientieren. „Viele Dinge, die in anderen Ländern gemacht werden, passen nicht zu uns, unseren Werten und unserem Menschenbild.“ Auch der Datenschutz sei ein Cybersicherheitsthema und da sei Europa weltweit führend. Daher müsse man eigene Forschungswege gehen.

Mit Blick auf die IT-Sicherheitslage in Unternehmen und Verwaltung in Deutschland nannte Hummert den Mittelstand sowie die Industrie als besondere Herausforderungen. „Schauen Sie zum Beispiel die Energieversorgung an: Es gibt viele heterogene Player auf dem Markt, die Versorgung ist dezentral organisiert. Das hat einen großen Vorteil: Ein Cyberangriff auf einen Versorger schaltet nicht das ganze Land ab. Die Kehrseite der Medaille ist, dass Sie die IT-Systeme vieler eher mittelständischer Unternehmen schützen müssen. Mancherorts ist die IT, vorsichtig gesagt, etwas in die Jahre gekommen.“

Die Cyberagentur will in Kürze weitere Förderungen für IT-Sicherheit starten. Hummert kündigte Projekte zur Sicherheit von autonom fahrenden Fahrzeugen und Künstlicher Intelligenz an. Auch die Sicherheit von Computerchips aus Asien sei ein Thema, das zu gegebener Zeit ausgeschrieben werde.

Vollständiges Interview online unter: https://background.tagesspiegel.de/da-wo-wagniskapital-fehlt-braucht-es-den-staat

hfs/re/ots/ds

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