EU-Präsidentin von der Leyen sieht Fuggerei als Vorbild für den Wiederaufbau der Ukraine

EU-Kommissionspräsidentin macht Vorschlag für Ukraine-Partnerschaft der Fuggerei / Ursula von der Leyen will mit Präsident Wolodymyr Selenskyj nach Augsburg Besuch telefonieren / Politikprominenz eröffnet Festwochen und würdigt 500 Jahre Stiftungsgeschichte

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach sich im Rahmen ihres Augsburg Besuchs aus Anlass des 500-jährigen Fuggerei-Jubiläums für neue Fuggereien in der Ukraine aus. In der ältesten Sozialsiedlung der Welt sieht Ursula von der Leyen eine „großartige Erfolgsgeschichte“, die in die Zukunft getragen werden müsse und Vorbildcharakter für Europa hat. Von der Leyen kündigte an, in einem gemeinsamen Telefonat mit dem ukrainischen Präsident Wolodymyr Selenskyj am Sonntag, den 8. Mai 2022, die Idee für eine Partnerschaft anzusprechen.

Diese Botschaft teilte von der Leyen in ihrer Festrede vor über 450 Gästen im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses. Zuvor eröffnete sie gemeinsam mit Ministerpräsident Markus Söder, Oberbürgermeisterin Eva Müller und Vertretern der Familie Fugger das offizielle Festprogramm zum 500-jährigen Jubiläum der Fuggerei auf dem Rathausplatz. Die Kommissionspräsidentin würdigte die Visionskraft, die Verantwortungsbereitschaft und den Mut der Augsburger Bürgerschaft und der Familie Fugger, die vor einem halben Jahrtausend den Grundstein für die weltweit einzigartige Sozialsiedlung legte. „Die Fuggerei, die heute 500 Jahre alt ist, gäbe es nicht ohne die Weitsicht, den Willen und die Schaffensfreude der Fugger. Diese Bauten sind in Stein gegossener unternehmerischer Erfolg, aber mehr noch Ausweis unternehmerischer Verantwortung. Sie stehen für sozialen Ausgleich“, so von der Leyen.

Fuggerei kann als Vorbild für Wiederaufbau in der Ukraine dienen

In ihrer Augsburger Rede ging von der Leyen auf zwei zentrale Herausforderungen ein, mit denen Europa konfrontiert ist, den Krieg in der Ukraine und den Klimawandel. Um in beiden Feldern Fortschritte zu erzielen, sieht sie die Notwendigkeit von europäischer Entschlossenheit und festem Zusammenhalt, von Innovationsbereitschaft und Tatkraft. Die Fuggerei mit ihrer langen Geschichte und ihren Prinzipien sei ein „Rezept, von dem Europa lernen kann“, so von der Leyen.

Die EU-Kommissionspräsidentin begrüßte „die Initiative, die Fuggereien an verschiedenen anderen Orten umzusetzen“, wie es beispielsweise in Sierra Leone oder Litauen schon geplant ist. Diese Fuggereien der Zukunft sollen Kernmerkmale des Augsburger Originals, die im sogenannten Fuggerei-Code festgehalten sind, aufweisen und somit das Erfolgsmodell international zugänglich und regional anpassbar machen. Im Rahmen ihrer Ausführungen zum Neuen Europäischen Bauhaus, einem Ideenlabor, um Europas grüne Transformation greifbar und anwendbar zu machen, ging von der Leyen noch einen Schritt weiter und machte den Vorschlag für eine Ukraine-Partnerschaft der Fuggerei.

Während in der Ukraine die Kämpfe andauern und um ein Ende der Gewalt gerungen wird, planen wir bereits mit der ukrainischen Regierung den Wiederaufbau des Landes. Es wird Kraft brauchen, die zerbombten Städte wiederaufzubauen. Aber es stecken auch riesige Chancen darin.“, erklärt von der Leyen. Die Fuggerei „könnte Pate stehen“ mit ihrem nachhaltigen und menschenzentrierten Ansatz beim Wiederaufbau der Ukraine. Von der Leyen machte den Vorschlag für ein neues Partnerschaftsprogramm zwischen der Ukraine und der EU. Regionen, Städte und Berufsgruppen sollten sich vernetzen, um Erfahrungen und Ideen austauschen, und so beim Wiederaufbau zusammenzuarbeiten. Die Fuggerei kann hier wichtige Impulse für eine soziale und sichere Heimat sowie ein Leben in Selbstbestimmung und Würde liefern. Von der Leyen wolle dem ukrainischen Präsident Selenskyi in einem Telefonat am Sonntag von ihrem Fuggerei Besuch berichten. Nach dem, was ich hier heute erlebt habe, ist die Fuggerei das neue Europäische Bauhaus auf Augsburgisch“, so die Präsidentin der EU-Kommission und appelliert: „Europa braucht mehr Fuggerei.“

Der Vorstandsvorsitzende der Fuggerschen Stiftungen, Alexander Erbgraf Fugger-Babenhausen dankte der Präsidentin der EU-Kommission für ihr Kommen und betonte: „Wir hatten bereits einen ersten Kontakt in die Ukraine für eine Sozialsiedlung nach dem Vorbild der Fuggerei, der leider aufgrund der aktuellen Lage abgebrochen ist. Wir danken Ihnen für Ihre Unterstützung. Das hat unsere Erwartungen übertroffen.“

Ein Modell für die Zukunft

Auch Ministerpräsident Markus Söder hob in seiner Festrede die vorbildhafte Rolle des 500-jährigen Sozialwerkes und den besonderen Geist hervor. „Wer in der Fuggerei ist, der spürt es. Es ist nicht irgendeine Wohneinheit. Die Fuggerei ist zeitlos und heimelig. Die Menschen, die dort wohnen, sind gern da. Sie haben Selbstbewusstsein.“ Jakob Fugger habe mit der Stiftung etwas „visionäres und modernes“ vor einem halben Jahrtausend auf den Weg gebracht und die Familie Fugger führe dieses Erbe mit Erfolg fort.

Dass das „Original in der Stadt Augsburg, zu einem weltumspannenden Netz von Fuggereien auf der Welt“ werden könnte, machte Oberbürgermeisterin Eva Weber in ihrer Rede stolz. Die Fuggerei sei ein Modell für die Zukunft, welches in einer Zeit entstanden ist, die mit ähnlichen Herausforderungen wie heute, Pandemie und Wohnungsnot, zu kämpfen hatte.

Pavillon als Mittelpunkt der Feierlichkeiten

Zentraler Veranstaltungsort des Programmfestival auf dem Augsburger Rathausplatz ist der „Fuggerei NEXT500 Pavillon“. Im Inneren lässt eine Ausstellung mit Fotos des Fotografen Daniel Biskup den „Fuggerei-Code“ verstehen und das mit MVRDV entwickelte Fuggerei-Baukastenprinzip bietet Inspirationen für neue Fuggereien der Zukunft in der ganzen Welt. Besucherinnen und Besucher aus aller Welt sind eingeladen, den Pavillon auf dem Rathausplatz zu besuchen.

Bis zum 12. Juni 2022 folgen weitere Summits und Special-Events u.a. mit Felix Neureuther, Neven Subotic und Jutta Speidel als StifterInnen, mit Julian Nida-Rümelin, Wolfgang Ischinger, Franz von Metzler, Sandra Breka und Pater Anselm Grün als Keynote-Speaker. Nach einem Grußwort auf dem Abschluss-Summit von Claudia Roth, Staatsministerin für Kultur und Medien, wird Darren Walker, Präsident der Ford Foundation, das zentrale Thema „Bedürftigkeit meistern“ mit internationalen Stiftungsexperten diskutieren.

hfs/re/ots/dpa/tt

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