Feldhasen: Wie die Öffentlichkeit durch Jagdlobbyisten hinters Licht geführt wird

„In Deutschland leben im Frühjahr etwa 725.000 bis 1,45 Millionen Feldhasen“ berichtet Lovis Kauertz, Vorsitzender von Wildtierschutz Deutschland. „Wir gehen davon aus, dass in Deutschland dann im Durchschnitt nicht mehr als vier bis acht Feldhasen pro Quadratkilometer über Felder und Wiesen hoppeln und nicht, wie der Deutsche Jagdverband jüngst in einer Pressemitteilung behauptet, 16 Tiere. Bei dieser Zahl und einer landwirtschaftlichen Fläche, die etwa die Hälfte der Gesamtfläche Deutschlands von 357.022 qkm ausmacht, kämen wir auf einen Bestand von etwa 2,8 Millionen Feldhasen. Solche als „wissenschaftliche Auswertungen“ verkauften Daten der Jägerschaft halten wir für völlig unseriös. Der Feldhase gehört in Deutschland zu den gemäß der Roten Liste gefährdeten Arten und sein Bestand ist keineswegs auf dem Weg der Besserung.“

Der starke Rückgang der erlegten und tot aufgefundenen Feldhasen zeichnet ein fundamental anderes Bild, als der Deutsche Jagdverband es der Öffentlichkeit weismachen will.

Die vom gleichen Verband veröffentlichten Streckenstatistiken – diese umfassen sowohl die erlegten Tiere, als auch die ansonsten tot aufgefunden Feldhasen – unterstreichen unsere Ausführungen (vgl. Grafik).

Streckenstatistiken sind seit jeher ein starkes Indiz für die Entwicklung der entsprechenden Tierbestände. So ist die Zahl der erlegten oder überfahrenen Feldhasen in Deutschland seit dem Jagdjahr 2010/11 um ganze 60 Prozent (!) von 367.000 auf 145.000 Tiere zurückgegangen.

Die Jagdverbände werden nicht müde zu betonen, dass Feldhasen eher schonend bejagt werden, weil die auf der Roten Liste bereits als gefährdet eingestuft sind. Die Streckenquote dürfte demnach bei 10 bis 20 Prozent des Gesamtbestands pro Jahr liegen. Bezogen auf die im Jagdjahr 2020/21 erlegten Tiere wären wir in Deutschland damit bei einer realistischen Anzahl von 725.000 (145.000 = 20 %) bis 1,45 Millionen (145.000 = 10 %) Feldhasen. Das entspricht einer durchschnittlichen Dichte von vier bis acht Feldhasen pro Quadratkilometer Feld und Wiese, nicht aber von 16, wie der Jagdverband der Öffentlichkeit weismacht.

Zum Vergleich: Beim Rehwild wird Jahr für Jahr etwa die Hälfte des Jahresbestands erlegt oder überfahren. Bei Wildschweinen, die viel schwieriger zu bejagen sind, dürften das jeweils etwa 30, bei regional sehr intensiver Jagd vielleicht 40 Prozent sein.

Von jeher wird es mit der Angabe der Zahlen der niedergestreckten Tiere nicht so genau genommen. Bei Tierarten, bei denen ein hoher Abschuss erwartet wird – beispielsweise beim Rehwild -, geben Jäger gerne mehr an, als tatsächlich erlegt wurde. Grund ist die behördliche Verpflichtung, im Revier bei bestimmten Tierarten eine Abschussquote zu erreichen. Bei den bereits gefährdeten Tierarten, zu denen auch der Feldhase gehört, verschweigt man lieber einen Teil der Strecke. Oder – wie der Deutsche Jagdverband es vormacht – man gaukelt der Öffentlichkeit eine Situation vor, die den Abschuss von über 100.000 Feldhasen relativiert.

Wie funktioniert nun der Öffentlichkeitsbetrug mit den „von Wissenschaftlern ausgewerteten“ Zahlen?

Wir bezweifeln nicht, dass Hasenzähler des Jagdverbands in entsprechenden Referenzgebieten tatsächlich hier mal 8, dort mal 12 oder 25 Feldhasen auf eine Fläche von 100 ha zählen. Rechnerisch in höchstem Maße unseriös ist aber die Hochrechnung dieser nicht repräsentativen Zahlen auf ganze Landstriche oder gar die Fläche der Bundesrepublik:

An der Zählung nehmen ausschließlich Jäger oder Jagdpächter teil, in deren Revieren Feldhasen vorkommen. Jagdrevierinhaber ohne oder ohne bedeutende Feldhasenvorkommen nehmen mehrheitlich nicht an der Taxation teil. Die Bestandszahlen pro 100 ha Fläche reflektieren demnach die Zahl der Hasen in den „besseren“ Hasenrevieren und können schon alleine deshalb nicht auf die gesamte Fläche, die als Lebensraum für Hasen in Frage kommt, hochgerechnet werden. Sie sind nicht repräsentativ. Auch deshalb nicht, weil kaum ein Prozent der Jagdreviere überhaupt an der Zählung teilnimmt.

In Jagdrevieren, in denen gezählt wird, wird vornehmlich dort gezählt, wo auch Ergebnisse zu erwarten sind. Es gibt sehr viele Reviere, in denen in einem bestimmten Bereich Feldhasen vorkommen, in anderen Bereichen aber überhaupt nicht.

Rechnet man die vom Deutschen Jagdverband veröffentlichte Zahl von 16 Tieren pro Quadratkilometer hoch auf die landwirtschaftliche Fläche Deutschlands („Felder und Wiesen“), dann ergäbe sich bei einer Fläche von etwa 178.000 qkm ein Frühjahrsbestand von über 2,8 Millionen Feldhasen. Dass diese Zahl völlig unrealistisch ist, zeigt schon die aktuelle mit 145.000 Tieren ausgewiesene Jagdstrecke. Daran gemessen und eine schonende Bejagung vorausgesetzt, wird es in Deutschland zwischen 725.000 und 1,45 Millionen Feldhasen geben.

Über Wildtierschutz Deutschland e.V.:

Wildtierschutz Deutschland wurde 2011 gegründet und setzt sich seitdem gegen tierquälerische Jagdmethoden ein und für eine Reduzierung der jagdbaren Arten auf die Tierarten, für die ein vernünftiger Grund zur Bejagung im Sinne desTierschutzgesetzes besteht. Außerdem engagiert sich der Verein für die Aufnahme, Versorgung und Auswilderung von in Not geratenen Wildtieren.

Mitbegründer des www.aktionsbuendnis-fuchs.deMitglied der Deutschen Juristischen Gesellschaft für Tierschutzrechte.V. (DJGT)

hfs/re/ots/dpa/tt

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